Samstag, 20. März 2010

Genderaspekte des Harnverlusts

GENDERASPEKTE DES HARNVERLUSTS

Der unwillkürliche und unkontrollierbare Harnverlust (Harninkontinenz) stellt auch im 21. Jahrhundert eines der größten medizinischen Tabus mit einer großen Dunkelziffer dar. Harninkontinenz ist noch immer mit Angst, Scham und Statements wie „dies ist Ausdruck des natürlichen Alterungsprozesses, der zu akzeptieren sei“ verbunden. Bei den Betroffenen beobachtet man den Verlust an Selbstachtung und Selbstvertrauen, den Verlust der Kontrolle über seinen Körper und erlebt die Angst vor Stigmatisierung. Man sieht vor allem ältere Menschen, die dadurch in die Einsamkeit und Isolation gedrängt werden. Nach Angaben der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich litten 2008 in Österreich mehr als eine Million Menschen an der Harninkontinenz.
Die Harninkontinenz ist Auslöser verschiedenster Ängste und beeinflusst eine Vielzahl von Bereichen und Faktoren, die für das soziale Wesen „Mensch“ wichtig sind. Es beginnt mit einer psychischen Belastung (Angst, Scham, Depression), einer Verminderung der sexuellen Aktivitäten und Verlust an Selbstvertrauen. Harninkontinenz beeinträchtigt die soziale Interaktion, die/der Betroffene zieht sich zurück und/oder wird ausgegrenzt, was wiederum zu einem Verzicht von Freizeitaktivitäten, zu einem Verlust der sozialen Kontakte und einer erhöhten Abhängigkeit von Dritten führt.
Um Zahlen für die Häufigkeit der Harninkontinenz, der Over-active-Bladder (OAB) und der Lower-Urinary-Tract-Symptoms (LUTS) zu erhalten, wurde die EPIC-Studie mit mehr als 19.000 TeilnehmerInnen durchgeführt. 59,2% der Frauen litten an Speicherstörungen der Harnblase (51,3% der Männer), 54,5% der Frauen unter Nykturie (Männer: 48.6%), aber 25,7% der Männer an Entleerungsstörungen (Frauen: 19,5%) und 16,9% an postmiktionellen Symptomen (Frauen: 14.2%). Diese Zahlen zeigen zwar, dass mehr Frauen an Speicherstörungen (Inkontinenz, OAB) leiden als Männer, dass aber auch der Unterschied mit 59 zu 51% nicht so deutlich ist, wie man erwarten würde. Dass Männer mehr an Entleerungsstörung und LUTS leiden, lässt sich leicht mit der unterschiedlichen Anatomie erklären.
Wir unterscheiden drei Formen der Harninkontinenz. Bei der Belastungsharninkontinenz ist der/die PatientIn auf Grund einer Pathologie des Beckenbodens nicht in der Lage, plötzliche intraabdominelle Druckerhöhungen abzufangen, während bei der Dranginkontinenz der Harndrang nicht beherrscht werden kann. Bei der dritten Form handelt es um eine Mischform der beiden ersten. Bei der Frau überwiegen mit je 40% die Belastungs- und die Mischinkontinenz, während die Prävalenz für die Dranginkontinenz beim Mann 85% beträgt, gefolgt von der Misch- mit 10% und der Belastungsinkontinenz mit 5%. Postmiktionelles Nachträufeln ist beim Mann die zweithäufigste Inkontinenzform (Frau: 16%), an dritter Stelle die nächtliche Inkontinenz mit 16%.
Die Basisdiagnostik umfasst neben der gezielten Anamnese und der klinischen Untersuchung die Harnuntersuchung, ein Miktionstagebuch (Miktions- UND Trinkprotokoll) und eine sonographische Restharnbestimmung.
Bei den Behandlungszielen kennen wir drei Kontinenzlevel:
1) die unabhängige Kontinenz,
2) die soziale Kontinenz, die mit Hilfsmitteln wie Vorlagen etc. erreicht wird, und
3) die abhängige Kontinenz, die nur mit Hilfe Dritter gelingt.
Die konservative Therapie umfasst fünf Gruppen von Maßnahmen:
1) Allgemeinmaßnahmen
2) Verhaltenstherapie
3) Medikamentöse Therapie
4) Funktionelle Elektrostimulation
5) Katheterismus
Die Basis der geschlechtsspezifischen Behandlungsstrategien ist die unterschiedliche Anatomie des unteren Harntrakts. Die Behandlung der Belastungsharninkontinenz der Frau beginnt mit Beckenbodengymnastik, unterstützt durch intravaginale Konen unterschiedlichen Gewichts, medikamentöser Therapie und/oder mit Elektrostimulation, und endete bei der operativen Rekonstruktion des Beckenbodens. Die Drangharninkontinenz des Mannes könnte bei restharnfreier Miktion anticholinerg, mittels Kondomurinal oder mit einer Kombination von Anticholinergikum und Katheter behandelt werden. Bei der chronischen Harnretention ist für die Frau der intermittierende Selbstkatheterismus (ISK) das Mittel der Wahl, beim Mann die Blasenhalsinzision oder die transurethrale Prostataresektion.
2008 litten mehr als eine Million Menschen in Österreich an einer Form der Harninkontinenz. Aufklärung und Information können helfen, einen Leidensweg zu stoppen oder ihn zu verhindern. Unbehandelt führt die Harninkontinenz zu sozialer Isolation, Verlust der Selbstachtung, Verlust von sozialem und sexuellem Leben, Depression und zu körperlichem und geistigem Abbau. Drastisch formuliert ein „Oneway to hell“, an dessem Ende die Überweisung in ein Pflegeheim steht. Daher beim ärztlichen Anamnesegespräch danach fragen, Harninkontinenz ist keine „natürliche“, d.h. durch den Alterungsprozess verursachte, zu akzeptierende Veränderung, denn wir können etwas dagegen tun.

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